Inklusion

Die Musikschulen in NRW bekennen sich zur Inklusion als Haltung und Aufgabe.
Musikschulen wollen es jedem Menschen ermöglichen, am praktischen Musizieren teilzunehmen – durch diskriminierungsfreie, auch aufsuchende Angebote und durch weitgehende Selbstbestimmung jedes Einzelnen in Auswahl der Musik und des eigenen Lernens. Musikschulen ermöglichen somit innere Barrierefreiheit und weitgehend den barrierefreien Zugang. Musikschulen erkennen Vielfalt und Heterogenität und nutzen sie als Chance, dabei stellen sie den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Die Musikschulen in NRW ermöglichen lebenslanges Lernen.
Dabei gehen Leistungsorientierung und Berücksichtigung individueller Möglichkeiten und Bedürfnisse Hand in Hand. Die Musikschulen dieses Landes verfolgen die Idee eines partizipativen Unterrichts zwischen Lernenden und Lehrenden.

Der Einstieg in den inklusiven Prozess

Für die öffentlichen Musikschulen bedeutet der Einstieg in einen inklusiven Prozess, ­­

  • eine Teilhabe aller Menschen durch diskriminierungsfreie Angebote und angemessene Vorkehrungen zu ermöglichen
  • die weitgehende Selbstbestimmung jedes Einzelnen anzustreben
  • eine äußere (z. B. bauliche, strukturelle, organisatorische) und innere (z. B. pädagogische, kulturelle) Barrierefreiheit zu gewährleisten
  • die Individualität Aller zu achten und
  • Vielfalt und Heterogenität als Chancen zu erkennen und zu nutzen.

Spätestens seit der Potsdamer Erklärung des Verbands deutscher Musikschulen (VdM) aus dem Jahr 2014 hat sich das Verständnis von Inklusion erheblich erweitert. Der VdM bekennt sich in dieser Erklärung zu seiner Verantwortung, den Prozess hin zur inklusiven Musikschule zu initiieren: Es geht um gleichberechtigte Teilhabe aller Bürger, also auch um Menschen mit Migrationshintergrund (hierzu gehören auch Geflüchtete) durch diskriminierungsfreie Angebote und angemessene Vorkehrungen, es geht um Menschen in prekären Verhältnissen oder etwa um mobilitätseingeschränkte Senioren. Die Musikschulen handeln hier im kommunalen Auftrag und müssen für alle Menschen offenstehen.

Für die Musikschulen in NRW  ist die inklusive Entwicklung eine zentrale Aufgabe: Das Spektrum reicht von Angeboten für Menschen mit Behinderung über Musikgeragogik und kulturelle Diversität bis zur lebenslangen musikalischen Bildung und voraussetzungsoffenem Ensemblespiel. Die interkulturelle Arbeit, die kulturelle Teilhabe aller, bekommt fundamentale Bedeutung für die Integration und ist zugleich eine Bereicherung der hiesigen Musikkultur. Beispielhaft dafür war das landesgeförderte Projekt MüzikNRW (2013-16), das auf die Bildung von Netzwerken und die Vermittlung interkultureller Kompetenz fokussierte. Seit 2016 fördert der LVdM, ebenfalls finanziert über das Kulturministerium NRW, Angebote für Geflüchtete an Musikschulen in NRW. Derzeit werden über 160 Projekte unterstützt, begleitet von zahlreichen Fortbildungsangeboten und Austauschplattformen.

Kulturelle Teilhabe ermöglichen: Interkulturelle Arbeit an öffentlichen Musikschulen in NRW

Seit der UNESCO-Konvention zur „Cultural Diversity“ von 2005, die in Deutschland 2007 ratifiziert wurde, gibt es einen grundlegenden und verpflichtenden Handlungsrahmen im Umgang mit kultureller Vielfalt an kommunalen Musikschulen.

Die Vielfalt bezieht sich zum einen auf die unterschiedlichen Musikstile in den verschiedenen Ausprägungen, die Platz in der Arbeit kultureller Einrichtungen finden sollen. Pop-, Jazz-, Rockmusik, Hiphop und weitere musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, gerade auch die der Subkultur, sollten Möglichkeiten der Ausübung und Präsentation erhalten.

Zum anderen bezieht sich Vielfalt in kultureller Hinsicht insbesondere auf diejenigen Musikkulturen, die durch Migranten und Geflüchtete in unsere Gesellschaft gekommen sind und dadurch Teil unseres gesellschaftlichen Lebens werden. Hier übernimmt Musik eine wichtige Rolle: Gerade die öffentlichen Musikschulen beziehen Ankommende mit ihren Musikkulturen durch Unterrichts- und Musizierangebote in die Musikschularbeit ein, leisten wertvolle Integrationsarbeit und werden so selbst in ihrer Arbeit enorm bereichert.

Dabei stellen sich Fragen nach den nötigen Kenntnissen über diese neuen Musiksysteme, deren Lern- und Präsentationsformate und deren Aufführungspraxis. Kulturelle Sensibilität ist gefragt, um eine fruchtbare gemeinsame Musikpraxis zu entwickeln. Kompetenzen in Arrangement sind erforderlich, um neue, unbekannte Instrumente in die musikalische Ensemblearbeit mit einzubeziehen.

Durch die Erfahrungen im Projekt MüzikNRW haben sich Handlungsfelder abgezeichnet, die zum Gelingen interkultureller Arbeit beitragen:

  • Netzwerke identifizieren, Netzwerkarbeit mit allen Akteuren vor Ort aufnehmen und intensivieren: Dazu gehören alle Organisationen, die migrantische Kulturen vertreten (Migrantenhilfsorganisationen, Migrantenselbstorganisationen) sowie die kommunalen oder regionalen Integrationszentren, die Integrationsräte der Stadt oder die Integrationsbeauftragten in der Verwaltung sowie alle religiösen und kulturellen Vereinigungen der Migranten.
  • Für den Beginn der Arbeit hilft oft schon ein Blick in die Statistik der Stadt, um den Anteil und die Ausprägung der unterschiedlichen Kulturen erkennen zu können. Daraus entwickelt sich der Weg mit den musikalischen Akteuren vor Ort in eine gemeinsame Musikkultur.
  • Willkommenskultur in der Musikschule: Barrieren in den Musikschul-Kollegien durch Fortbildungen abbauen – Fortbildungen zur interkulturellen Kompetenz, wie etwa kultursensible Elternarbeit, aber auch im (musikpraktischen) Wissen über die neuen Musikkulturen und deren Instrumente; Fertigkeiten in Arrangieren von Stücken vermitteln, um die neuen Instrumente in die Ensemblearbeit mit einzubeziehen; gemeinsames Musizieren in interkulturellen Ensembles und Chören
  • Barrieren nach außen abbauen durch mehrsprachige Informationen, interkulturelle Musikprogramme und aufsuchende Musikschularbeit

50+ - Mitgestaltung von lebenslangen Bildungsprozessen

Musik als lebenslanger Begleiter von frühester Kindheit bis ins hohe Alter ist nicht erst seit der Potsdamer Erklärung aus dem Jahr 2014 ein wichtiger Themenschwerpunkt von Musikschulen. Der Verband deutscher Musikschulen (VdM) bekennt sich darin vor dem Hintergrund der Leitidee einer inklusiven Gesellschaft zu seiner Verantwortung, den Prozess hin zur inklusiven Musikschule zu initiieren: Ermöglicht werden soll die Teilhabe aller Menschen durch diskriminierungsfreie Angebote und angemessene Vorkehrungen – Ziel einer „Musikschule für alle“ ist es, neben Menschen mit Behinderung und Menschen mit Migrationshintergrund auch Erwachsene und Senioren mit ihren jeweils spezifischen Bedürfnissen in den Blick zu nehmen.

Immer mehr ältere Menschen verspüren den Wunsch, ein Instrument zu erlernen oder an frühere Musiziererfahrungen anzuknüpfen. Die Erwartungen dieser Altersgruppe an den Instrumentalunterricht sowie die Bedürfnisse und Ziele unterscheiden sich dabei erheblich von denen junger Menschen.

Die Musikschulangebote für den Personenkreis, der sich im dritten und vierten Lebensabschnitt befindet, sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Musikschulen gestalten diesen demografischen Wandel aktiv mit und schaffen mit innovativen Angeboten für die (…)heterogene Zielgruppe „Erwachsene“ eine musikalische und soziale Heimat. Die damit verbundenen strukturellen und finanziellen Herausforderungen werden vor Ort individuell gelöst.

Der Verband deutscher Musikschulen (VdM) und die angeschlossenen Landesverbände unterstützen diese Entwicklung mit qualifizierenden Fortbildungsangeboten, unter anderem in Kooperation mit weiteren Verbänden oder Einrichtungen (z. B. Kompetenzzentrum für Kultur und Bildung im Alter kubia, Alzheimer Gesellschaft). Seit einigen Jahren wird eine berufsbegleitende, zertifizierte Qualifizierung „Musikgeragogik – Musik mit alten Menschen“ an der FH Münster angeboten.

Beispiele für Unterrichtsangebote:

  • Einzel- und Gruppenunterricht, instrumental und vokal, flexible Zeiteinteilung
  • aufsuchende musikalische Angebote
  • 10er Karten
  • Unterricht für“ Oma mit Enkel“
  • generationenübergreifende Orchester / Ensembles
  • Gruppenmusizieren
  • JeSi = Jedem/r Senior/in ein Instrument
  • Instrumentalunterricht mit dementiell veränderten Menschen
  • Musik zur Prävention in der Pflege

Projekte und Angebote mit Geflüchteten an öffentlichen Musikschulen in NRW

Seit Oktober 2016 werden Projekte und Angebote mit Geflüchteten an Musikschulen gefördert. Dazu wurde ein Projektkatalog erstellt, der über Eltern-Kind-Kurse, Erstunterricht in Kleingruppen für die unterschiedlichsten Instrumente, Musikalische Lernbegleitung beim Spracherwerb bis hin zu Musikangeboten für Willkommensklassen reicht. Hier haben Musikschulen unkompliziert die Möglichkeit mit der finanziellen Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft den Geflüchteten einen sehr kostengünstigen oder, wenn notwendig sogar kostenfreien, Unterricht anzubieten. Bei den Angeboten steht natürlich die Integration im Vordergrund, so dass jeder und jede willkommen ist, der oder die mitmachen möchte – egal, woher er kommt.
Alle Informationen zu dieser Initiative: www.heimat-musik.de

Netzwerk Inklusion im LVdM NRW

Spätestens seit der Potsdamer Erklärung des Verbands deutscher Musikschulen (VdM) aus dem Jahr 2014 hat sich das Verständnis von Inklusion erheblich erweitert. Um diese zum Teil neuen Aufgabengebiete in der Praxis sichtbar zu machen, betreibt der Landesverband der Musikschulen in NRW ein Inklusionsnetzwerk der öffentlichen Musikschulen in NRW. Das Inklusionsnetzwerk hat zum einen die Aufgabe, den Austausch untereinander zu intensivieren und zum anderen die Leistungen und auch die damit verbundenen Forderungen in die Politik zu transportieren. Einmal jährlich lädt das Netzwerk alle Beteiligten und Interessenten zu einem Fachtag. Weitere Informationen erteilt die Geschäftsstelle des LVdM NRW: kontakt@lvdm-nrw.de

Literaturtipp: Arbeitshilfe "Spektrum Inklusion"

Die Arbeitshilfe „Spektrum Inklusion“, 2017 erschienen im Verlag des Verbands deutscher Musikschulen, bietet umfangreiche Einblicke in Facetten inklusiven Arbeitens an Musikschulen. Dabei spielen die Entwicklung inklusiver Musikschulen, die inklusive Praxis des Musikschulunterrichts und auch die kulturelle Vielfalt, der demographische Wandel und die Veränderungen in Schule und Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Die Arbeitshilfe bietet eine theoretisch wie praktisch fundierte, anschaulich formulierte und zugleich anregende Lektüre: eine hervorragende Einführung in das weite Spektrum der Inklusion. Der LVdM NRW war aktiv und intensiv in die Erstellung der Arbeitshilfe eingebunden – so stammen zahlreiche Artikel aus der Feder von Ruddi Sodemann und anderen Kolleg/innen aus NRW.

Verband deutscher Musikschulen (Hrsg.): Spektrum Inklusion. Wir sind dabei! Wege zur Entwicklung inklusiver Musikschulen, 2017, 376 Seiten mit vielen farbigen Abbildungen, 28,- € inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten, ISBN: 978-3-925574-88-7.